Die arme Kleine - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 259


Regung des Lebens in den erstarrten Bäumen erwachen soll, wurde
die Kleine geboren. Ihre Eltern hatten schon drei Söhne, Leopold,
Josef und Franz. Drei Riesen. Der älteste, der große Junge
mit den reichen, braunen Haaren, den dunklen Augen, den schönen
regelmäßigen Zügen, glich dem Vater. Der zweite, mit
dem lichtbraunen Gelock und den blaugrauen Augen, hatte kein Vorbild
in der Familie, entwickelte sich auf seine eigene Art zu einem
kühnen, prächtigen 8 Menschenexemplar. Der dritte sah der
Mutter ähnlich, hatte ein sanftes Gesicht und war hellblond.
»Wenn wir noch einen kriegen,« sagte Herr von Kosel,
»und wenn es so weiter geht in der Schattierung, kommt er mit
weißen Haaren zur Welt.« Er hätte sich
übrigens wenig daraus gemacht, wenn einer mit feuerroter
Perücke erschienen wäre. Die Angelegenheiten anderer, auch
die seiner Kinder, berührten ihn nicht tief; alle lebhaften
Interessen, deren er fähig war, konzentrierten sich auf sein
eigenes und auf sein zweites Ich, seine Frau. Die hatte schon
ihren dritten Jungen ohne besonderes Entzücken
begrüßt. Sie wünschte sich ein Mädchen, ein Kind
wenigstens, von dem sie mehr gehabt hätte als nur das Glück,
ihm das Dasein zu schenken und es zu betreuen, bis es laufen konnte.
Einmal so weit gebracht, waren die Buben ihr auch schon entwachsen
und: »Von da an,« meinte sie, »ist die freiwillige
Rettungsgesellschaft im stande, mich bei ihnen zu ersetzen.« Ihr


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