Die schönsten Erzählungen - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 316


ich für einen hohen Kunstfreund eine Reihe von Bildern zu malen.
Mährische Landschaften und Volkstypen. Je treuer und
charakteristischer, je besser. Da ich meine Zeit gehörig
ausnützen und auch ganz unabhängig bleiben wollte, vermied
ich, von der Gastfreundschaft der Schloßbewohner Gebrauch zu
machen, und nahm trotz der Liebenswürdigkeit, mit der sie mir
fast überall angeboten wurde, mein jeweiliges Standquartier wohl
oder übel (meistens übel) im Dorfwirtshaus. Rasch ging
die Arbeit mir von der Hand. Ende September waren alle meine Skizzen
und sogar einige Bilder fertig. Mit gutem Gewissen und sehr heiterem
Mute durfte ich wieder heimwärts fliegen nach Wien, wohin
für den ersten Oktober eine Verabredung mich rief –
mächtig rief... Ich verrate nichts, ich sage nur: mein Herz, das
heute noch von Winterfrost nichts weiß, befand sich damals im
Drang der Herbstäquinoktialstürme. Am Morgen des letzten
Septembers erwachte ich zugleich mit dem Haushahn im Gasthof des
Dorfes Willowic. Ein ganzer Tag war noch zu überwinden, bevor sie
aufging, die Sonne des ersten Oktobers. Wenn ich heute meine Heimreise
antrat, lagen noch ein paar Abendstunden, lag eine sicherlich
schlaflose Nacht zwischen der Stunde meiner Ankunft und der meines
Glückes. Ich entschloß mich, meine Ungeduld tagsüber
zu verrennen und die Nacht lieber im Waggon als im Bett zu
durchwachen. Einen Lokalzug verschmähend, der mich zur


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