Er lasst die Hand küssen - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 28


Erzählung (1886) «So reden Sie denn in Gottes
Namen», sprach die Gräfin, «ich werde Ihnen
zuhören; glauben aber nicht ein Wort.» Der Graf lehnte
sich behaglich zurück in seinen großen Lehnsessel:
«Und warum nicht?» fragte er. Sie zuckte leise mit den
Achseln: «Vermutlich erfinden Sie nicht überzeugend
genug.» «Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das
Gedächtnis ist meine Muse.» «Eine einseitige,
wohldienerische Muse! Sie erinnert sich nur der Dinge, die Ihnen in
den Kram passen. Und doch gibt es auf Erden noch manches Interessante
und Schöne außer dem – Nihilismus.» Sie hatte
ihre Häkelnadel erhoben und das letzte Wort wie einen Schuß
gegen ihren alten Verehrer abgefeuert. Er vernahm es ohne Zucken,
strich behaglich seinen weißen Bart und sah die Gräfin
beinahe dankbar aus seinen klugen Augen an. «Ich wollte Ihnen
etwas von meiner Großmutter erzählen», sprach er.
«Auf dem Wege hierher, mitten im Walde, ist es mir
eingefallen.» Die Gräfin beugte den Kopf über ihre
Arbeit und murmelte: «Wird eine Räubergeschichte
sein.» «Oh, nichts weniger! So friedlich wie das
Wesen, durch dessen Anblick jene Erinnerung in mir wachgerufen wurde,
Mischka IV. nämlich, ein Urenkel des ersten Mischka, der
meiner Großmutter Anlaß zu einer kleinen Übereilung
gab, die ihr später leid getan haben soll», sagte der Graf
mit etwas affektierter Nachlässigkeit und fuhr dann wieder eifrig


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