Lotti, die Uhrmacherin - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 150


Fräulein Lotti war soeben erwacht. Die Repetieruhr, die an einem
zart geschweiften Schnörkel am rechten Kopfende des
altertümlichen, reich geschnitzten Bettes hing, schlug mit zartem
Klange sechsmal an. Gleich darauf begann die deutsche Stockuhr, eine
solide Arbeit Meister Anton Schreibelmeyers, von der Kommode am
Pfeiler aus, die Morgenstunde zu verkünden. – Auf! auf!
befahl ihre gebieterische Stimme, an die Arbeit! der Tag beginnt!
– Ihre Glocken hatten kaum ausgezittert, als auch schon die
französische Wanduhr, in aller Bescheidenheit, eilig und leise zu
melden begann: Sechs! sechs! gehorsamst zeig ich's an. Eine kleine
Pause – und am linken Kopfende des Bettes erhob das
Seitenstück der Repetier-, eine Spieluhr, ihre Silberstimme und
gab ein Schäferliedchen zum besten, so lieblich, als hätten
kleine Engel es gesungen. Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte
das Fräulein dem Konzerte, das ihre Uhren abhielten, und
hätte in den Schlußgesang beinahe mit eingestimmt, so
fröhlich war ihr zumute. An dem Lichte, das durch die
herabgelassenen Vorhänge in das Zimmer drang, erkannte sie,
daß es heute einen schönen Tag gebe – war das nicht
genug, um den reichen Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum
Überströmen zu bringen? Sie stand auf und kleidete sich
an; sehr sorgfältig zwar, aber ohne dabei mehr, als durchaus
nötig war, in den Spiegel zu sehen, denn – sie war sich
kein angenehmer Anblick. Die Zeit, in welcher sie ihren Mangel an


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