Oversberg - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 61


des Volontärs Ferdinand Binder Einundsiebzig Jahre alt ist
unser Herr Generalinspektor, aber wetterfest und unermüdlich,
hart wie Stahl und scharf wie der Nordwind im Dezember – und
gescheit – und einen Blick!... »Wissen Sie, wie Sie sind,
Herr Verwalter, oder Herr Förster, oder Herr Kontrollor?«
oder was der ist, mit dem er eben spricht. »So sind Sie!«
und dann sagt er's einem aufs Haar. Bei mir, als ich ihm
vorgestellt wurde, bald nach meinem Eintritt in die
Ökonomieverwaltung, hieß es: »Herr Binder,
Kaufmannssohn aus Wien. Der Jüngste der Familie,
Nesthäkchen, wohlhabend und wohl verhätschelt –
wie?« Das war am Abend des ersten Tages, den er damals in
Neuhaus zubrachte auf seiner Inspektionsreise. Eine Woche später,
beim Abschied, fragte er nicht mehr: »Wie?« Da tranchierte
er schon meinen inneren Menschen mit wahrem Hochgenuß und legte
mich gleichsam mir selber vor. Ich wurde sehr rot und sprach:
»Ich habe nicht gewußt, Herr Generalinspektor, daß
ich von Glas bin.« Er schmunzelte, klopfte mir mit seinen langen
knochigen Fingern auf die Schulter, daß ich's bis in den
Ellbogen spürte, und nannte mich »Finaud«, eine
Auszeichnung, zu der mir sämtliche Herren gratulierten. Seit
meiner ersten Begegnung mit ihm haben wir noch zweimal die Ehre
gehabt, ihn bei uns zu sehen. Im Herbste trifft er immer aus
Böhmen ein, um die fürstlich Dehsdorfischen Domänen an
der mährisch-schlesischen Grenze zu besichtigen, und uns allen


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