Unsühnbar - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 261


das Publikum strömte aus dem Opernhause und zerstreute sich rasch
nach allen Richtungen. Seit vierundzwanzig Stunden fiel Schnee, emsig,
unablässig, in großen Flocken; er lag schwer auf den
Dächern, verschleierte die Lichter in den Lampen, machte die
Mühe der Wege ausschaufelnden Arbeiter fast vergeblich.
Geräuschlos rollten die Equipagen vor; in Pelze gehüllte
Männer und Frauen stiegen in weich gepolsterte Wagen. Ein paar
Ladendiener hoben ihre sommerlich gekleideten Schönen in einen
Comfortable mit zerbrochenen Fenstern. Wie der Wind sauste ein Fiaker
nach dem anderen davon. Den Hut auf dem Ohr, den Schnurrbart gewichst,
saßen die Eigentümer des »feschen Zeugels«
etwas vorgebeugt auf ihrem Bock, in jeder Hand einen Zügel; und
die Pferde griffen aus und gaben her an Lebenskraft, was sie geben
konnten, um grüne Majoratsherrchen, hochgeborene Reiteroffiziere
und Sportsleute so geschwind als möglich zum Spiel in den
Jockeyclub zu bringen. An den Rand der Straße gedrängt,
rumpelten dicht besetzte Gesellschaftswagen, von abgejagten
Mähren geschleppt, von schlaftrunkenen Kutschern regiert, den
Vororten zu. Solide Bürgersfamilien gingen wohlverwahrt, mit
geschärftem Appetit – man wird so hungrig im Theater
– nach Hause, wo ein kräftiges Abendessen sie erwartete,
oder begaben sich in eine Restauration. Gemächlich, trotz des
bösen Wetters, schlenderten einige Infanterieoffiziere dem
nächsten Kaffeehause zu. Ein kleines Fähnlein, aber


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