Unverbesserlich - Marie von Ebner-Eschenbach - Страница 1 из 62


Erzählung (1910) Sie waren Zwillingsgeschwister,
Fräulein Monika und Pfarrer Emanuel, hatten jüngst ihr
sechzigstes Jahr erreicht und gehörten zur kleinen Gemeinde der
einsamen Menschen. Was verliebt sein heißt, hatte Monika nie
erfahren, obwohl sie einstens sehr nahe daran war, sich zu
verheiraten. Aber nur aus Hochachtung. Was in ihrem Bruder
vorgegangen, ob er Kämpfe zu bestehen gehabt hatte, ob die
Entsagung ihm so leicht geworden wie ihr, davon wußte sie
nichts. Nur einmal, als sie etwas gedankenlos sich und ihn als Muster
einer lautersten Lebensführung hinstellte, sprach er
lächelnd: «Vielleicht die Folge einer Mangelhaftigkeit
unserer Naturen. Es kommt vor. Cicero soll nie geliebt haben.»
Die Ähnlichkeit zwischen den beiden war eine sogar bei
Zwillingen auffallende. Sie waren groß und hager, hatten feine
Gesichter von durchsichtiger Blässe mit Adlernasen und schmalen,
geraden Lippen, die nie geküßt und nie ein gemeines Wort
gesprochen hatten. Ihre Haare blieben noch im Alter reich und
bewahrten ihr mattes altgoldfarbiges Blond, so wie die Augen ihr
helles Himmelblau. Aus denen Monikas blitzten oft schon bei geringem
Anlaß Zornesfunken hervor, oder es sprach aus ihnen aus
bloßer Freude am Dasein in Gottes schöner Welt eine
Heiterkeit, die äußerst erquickend wirkte. Emanuel
hingegen war immer im Gleichgewicht, war des Zornes unfähig,
sogar des – und darüber machte er sich
Vorwürfe -, sogar des heiligen Zornes. Er liebte seinen


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