Der verlorene Sohn - Nataly von Eschstruth - Страница 1 из 440


Viele behaupteten, sie sei unliebenswürdig und kaltherzig, wenige
nahmen sie in Schutz und versicherten, hinter ihrem kühlen,
schroffen Wesen berge sich ein tiefes Gefühl, ein warmes und
großes Empfinden, welches jedoch ängstlich versteckt werde,
wie ein Licht unter dem Scheffel. Wer in seinem Elternhause nur
militärische Präzision, Kommandos und soldatischen Drill
gewöhnt sei, müsse ja jede weichere und zärtlichere
Regung des Herzens als Gefühlsduselei und lächerliche
Sentimentalität erachten. Fräulein Malwine von Ries
sei das Ebenbild des Vaters, ein Soldat in Mädchenkleidern. Was
Pflichtgefühl, Ehre, Rechtschaffenheit bedeute, sei ihr voll
bewußt, aber die Passionen ihrer Altersgenossinnen, ein
lyrisches Gedicht zu lesen, abends an dem geöffneten Fenster in
Lenzesduft und Mondenschein hinaus zu schwärmen, ein Ballkleid
entzückend und ein totes Vögelchen zum Herzbrechen traurig
zu finden, diese schwärmerischen Anwandlungen seien ihr geradezu
unverständlich und wohl auch in tiefster Seele zuwider. Ob
Fräulein Malwine sich wohl jemals verlieben könne und werde?
Man lächelte bei diesem Gedanken ebenso ungläubig wie
bei dem phantastischen Plan eines Sternforschers, zwischen
Mars und Erde einen regelrechten Meinungsaustausch zu bewerkstelligen.
Fräulein Malwine als Braut! – welch eine Ironie auf
all die lieblichen Traditionen, welche sich mit diesem Worte


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