Die Erlkönigin - Nataly von Eschstruth - Страница 1 из 243


weißem Scheitel. Droben in den Lindenzweigen duftet's und
blüht's, surrt's und summt's, und streift die Blumensterne herab
auf die lauschenden Blondköpfchen. Großmütterchen aber
erzählt: »Es war einmal ein Königssohn, der
wußte nicht, was die Liebe war. Er lehnte an dem Marmorfenster
seines Nordlandschlosses und blickte hinaus in die tanzenden
Schneeflocken und fragte sie um Rat, aber die schüttelten die
weißen Gesichtchen und stoben davon. Darauf blickte er empor zu
den Wolken, die mit mächtigen Flügeln über die
Schloßtürme flogen, seufzte tief auf und rief: ›Ihr
Kinder des Sturmwinds, wißt ihr vielleicht, wo ich die Liebe
finde?‹ Aber die Wolken waren düster und stumm, und zogen
in wilder Hast zu ihrem Mutterhaus, dem klüftigen Gebirg, dessen
Scheitel die Pfosten des Himmels trägt. ›Ich weiß,
wo die Liebe ist!‹ sagte ein schüchterner Sonnenstrahl,
sich durch das Gewölk stehlend, ›hier oben ist es zu kalt
und einsam, hier wohnt nur die Melancholie mit ihren
thränenfeuchten Wangen, und der Sturm entblättert die Rose,
ehe sich ihr voller Kelch erschloß, die Liebe aber will Glut und
Blüten, die Liebe will Licht und Zauberpracht. Komm! Folge mir
zur Wiege der Poesie, atme den Duft der flüsternden Musenhaine,
bekränze Dein Haupt mit ihrem Lorbeer, und küsse die Lippen,
deren Seele ein Lied glühendsten Empfindens ist, blicke empor zu
dem leuchtenden Himmelsdom, versinke in dem Auge, dessen


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