Jung gefreit. Band 1 - Nataly von Eschstruth - Страница 1 из 275


Salome? Vier Stück zählte der Portier in die Droschke
– laß sehen, ein Schirmpaket –«
»Hier – Tante Klärchen sitzt darauf!« Ein
leiser Schrei im höchsten Diskant. Tante Klärchen schnellte
empor, daß sich ihr stolzer Schellenbaum von Straußfedern
auf dem Hut an dem Wagendach rund wie eine Neune bog. »Ich
sitze darauf? – Gott sei Dank, es hat kein Malheur
gegeben!« – »Nein, alles in Ordnung, deine
fünfundfünfzig Pfund knicken keinen Bambus!« –
Die Sprecherin, eine stolze, imposant wuchtige Erscheinung mit leicht
ergrautem Lockenhaar über der Stirn, sah mit einem leicht
spöttischen Lächeln auf die hagere Schwester nieder, die sie
ihr Leben lang als »Nestputtch« – oder
»sitzengebliebenen Pudding« verhöhnte. Klärchen
streckte die spitze Nase und das spitze Kinn noch spitzer vor und
bemerkte anzüglich: »Nein, ebensowenig wie deine
zweihundertfünfundfünfzig Pfund jemals eine Linde oder Eiche
knicken konnten, liebe Erna!« – Die liebe Erna wurde
kirschrot vor Zorn, sowohl im Gedanken an ihre ehemaligen treulosen
Verehrer, den Leutnant von Linde und den Assessor Eichberg, als auch
über die Taktlosigkeit der Schwester, an diese schmerzlichen
Punkte ihres Lebens zu rühren. Sie steckte die Hände mit
strammem Ruck in die Taschen ihres Sportjacketts und warf den alten
Kopf mit dem jugendlichen Jägerhütchen herausfordernd in den
Nacken. »Knicken konnte? Nicht knicken wollte, meinst du


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