Der süße Willy - Otto Ernst - Страница 1 из 43


netten Erziehung von Otto Ernst   Dritte
verbesserte Auflage     Leipzig 1906
Verlag von L. Staackmann.     Es
war an einem Sonntag; denn der süße Willy sollte ein
Sonntagskind werden. Der welthistorische Moment seiner Geburt war auf
eine Minute vor 12 Uhr mittags festgesetzt. Aber schon seit
8 Uhr morgens waren im Schlafraum der Mutter außer der
Hebamme, der Wärterin und der Amme sieben zukünftige Tanten
und Cousinen gegenwärtig. Eine angeregte Unterhaltung und
Pralinées sind für Wöchnerinnen im Augenblick ihrer
Niederkunft sehr zuträglich. Von letzterwähntem, nicht genug
zu empfehlendem Konfekt schoben abwechselnd Tante Bella und Tante
Julchen der Leidenden ein Stück nach dem andern tröstend in
den Mund. Tante Minka hatte es sich nicht nehmen lassen, ihren
entzückenden Molly, einen seidenweich behaarten Choleriker,
mitzubringen, der der Gebärenden beruhigende Laute zubellte oder
sein langgezogenes Klagegeheul mit ihrem Wehgeschrei vereinigte. Tante
Elvira dagegen, ein Fräulein von 57, welcher nach
unerforschlichem Ratschluß der Kindersegen 4 versagt geblieben
war, wiegte auf ihren Händen ein für den süßen
Willy bestimmtes Puppenkerlchen, das, wenn man ihm nur geneigtest auf
den Bauch drücken wollte, zwei Cinellen zusammenschlug und in
anerkennenswerter Weise quietschte. Diese vier achtbaren Damen nahmen
den Platz am Bette ein, der von Rechts wegen der Wehmutter und der


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