Frieden und Freude - Otto Ernst - Страница 1 из 140


Im Vorhof des Lebens Auf
meinen täglichen Spaziergängen in O. begegnete mir mit
vollkommener Regelmäßigkeit ein alter, hagerer Mann, der
von Anfang an mein besonderes Interesse erregte, zunächst durch
seine milden Züge, die durch ein Paar großer,
schwärmender Augen belebt wurden, sodann durch die erstaunliche
Akkuratesse, mit der er seinen offensichtlich schon lange nicht mehr
neuen Anzug instand hielt. Er trug zu diesem Anzug unabänderlich
einen Zylinder und ein Paar Knöpfstiefel, deren fabelhafter Glanz
schon von weitem blendete wie Drummondsches Kaltlicht. So sah er
schier elegant aus, und erst bei näherer Bekanntschaft merkte
man, daß der Rock in den Nähten mit Behutsamkeit
geschwärzt und das Beinkleid an den unteren Rändern mit
virtuoser Künstlerschaft gestopft war. Wie es so geht: wenn
man einander täglich begegnet ohne etwas voneinander zu wollen,
so lernt man sich ohne Worte kennen und – je nachdem –
sogar gern haben. Eines Morgens rief er mir im Vorübergehen zu:
»Bitte, betrachten Sie sich die Buchen im Ackermannschen Park
– wundervoll!« »Danke schön!« rief
ich mit verbindlichem Lächeln, »werd' ich tun!«
Ich sah mir die Buchen an und fand nichts eben Besonderes an ihnen.
Sie trugen freilich schon blanke Knospen, daneben aber auch noch das
vorjährige Laub, und bekanntlich bietet die Buche in solcher Zeit
keinen überwältigend schönen Anblick. Aber seitdem


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