Gedichte - Otto Ernst - Страница 1 из 15


fließt so ungeahnt Wie lichter Zauber um die starren
Bäume? Was zittert wie geheimer Feierton Mit leisem
Klingen durch des Himmels Räume? Die Flut des Lichts rinnt
mit froher Hast Vom Felsenhaupt bis in des Abgrunds Klüfte,
Und horch! – schon ruft ein Fink mit leisem Schlag
Zaghaften Jubel in die stillen Lüfte. Es hat der Lenz
in stummer Ungeduld Der Erde schon gestanden seine Liebe, Die
Lider ihr mit lindem Strahl geküßt, Daß sie nicht
mehr im Schlaf befangen bliebe. Er hat der tief entschlafenen
zugeraunt Der Sehnsucht erste, seligbange Frage Und ihr
versprochen, was die Liebe schenkt: Verklärte Nächte,
sonnenschöne Tage! – Und sieh! Von ihrem Antlitz
hebt sie leis Den duftgewobnen, zarten Nebelschleier Und
schaut mit Augen, die der Traum noch bannt, Wie zweifelnd auf den
leuchtenden Befreier. Noch fast sie nicht die ganze
süße Luft, Noch hängt an ihrer Wimper schweres
Trauern; Doch mehr und mehr erkennt sie schon den freund, Und
leis erbebt ihr Leib in Wonneschauern. – Otto Ernst
Nächtliche Wanderung Ich schreite einsam durch den Wald,
Die Nacht webt schwarz um düstre Tannen; Vor meinem Geist
steht Weh und Luft Der langen Jahre, die verrannen. Hat
mehr des Leibes, mehr der Luft Mich angefaßt im
Weltgetriebe? – Ob allem, was verweht, vergeht, Stand


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