Das Buch der Liebe. Erster Teil - Paul Ernst - Страница 1 из 345


Paul Ernst Dritte Auflage Muenchen und Leipzig bei Georg
Mueller
Wenn wir heute einen griechischen Tempel betrachten, so haben wir
immer ein einfaches und klares Bild. Wohl ist das Dach eingestuerzt,
vielleicht liegen die meisten Saeulen in einzelnen Trommeln auf dem
Boden, sind figuerliche Schmuckstuecke verschleppt; die bunte Bemalung
ist verschwunden und der unbedeckte Stein hat durch Regen, Luft und
Licht in Jahrtausenden einen neuen, edlen Ton angenommen; der Boden
hat sich erhoeht und die urspruenglichen Verhaeltnisse muessen durch
eine Nachgrabung wieder hergestellt werden; aber das alles sind nur
Zerstoerungen, die zwar den unmittelbaren Eindruck so gruendlich
geaendert haben, wie eine Ruine etwas anders ist als das
urspruengliche Gebaeude; der urspruengliche Gedanke des Baumeisters
ist immer noch deutlich zu erkennen, denn es hatte nur einen
Baumeister gegeben und der hatte nur einen Baugedanken gehabt, und es
sind nur sehr selten spaetere Anbauten und Umbauten gemacht, denn die
Gegenden veroedeten, in welchen diese Tempel stehen, und die alten
Werke wurden nicht zu den andern Zwecken spaeter lebender Generationen
verwendet. Ein ganz anderes Bild gewaehren unsere
mittelalterlichen Baudenkmaeler. Viele Meister und mehrere
Jahrhunderte haben an ihnen gebaut, und nicht selten ist ein Werk in
einem andern Stil angelegt, wie es vollendet wurde: wenn der


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