Tagebuch eines Dichters - Paul Ernst - Страница 1 из 504


Künstler, ein Mensch, welcher ein völliges Weltbild in sich
trägt, das er durch seine Werke irgendwie darstellt. In
vernünftigen und sittlichen Zeiten stimmt das Weltbild der
großen Masse mit dem seinigen überein, in
unvernünftigen und unsittlichen Zeiten lebt der Dichter mit
seinem Weltbild ganz für sich. Viele Dichter werden dadurch
in ihrer Arbeit nicht geändert. Dieses Glück habe ich nicht
gehabt. Die Art meiner Begabung brachte es mit sich, daß ich
erst spät, mit fast 40 Jahren, das erste Werk fertigstellte, das
mir selber bis zu einem gewissen Grad genügte; so konnte ich
nicht mehr jenes naive Selbstgenügen erringen, das von der
Torheit der Außenwelt gar nichts merkt; ich mußte immer
erstaunt mich fragen, woher es denn komme, daß ich so in allem
anders fühlte als die anderen Menschen, und lange habe ich in mir
selber die Schuld gesucht, bis mir endlich die völlige
Läppischkeit unserer Zeit klar wurde. In die Dichtung darf
solche Arbeit der Auseinandersetzung nicht eingehen. Was herauskommt,
wenn das doch geschieht, das kann man an Kellers Salander sehen:
Keller hat in diesem Roman sein Talent vernichtet. Ich hoffe,
daß ich mich in meiner Dichtung freigehalten habe von dieser
Zerstörung. Aber die Auseinandersetzung war doch nötig; ich
nahm sie in kleinen Aufsätzen vor, die in Zeitungen erschienen.
Ich mußte in ihnen vorsichtig sein, damit die Herausgeber
und Schriftleiter nicht merkten, was ich eigentlich sagte,


-10     пред. Страница 1 из 504 след.     +10