Völker und Zeiten im Spiegel ihrer Dichtung - Paul Ernst - Страница 1 из 607


haben immer ein offenes Herz für jeden fremden
Kultureinfluß gehabt; je nach den Umständen ist ihnen das
zum Nachteil und zum Vorteil ausgeschlagen, und je nach der Stellung
des Beurteilers pflegt man das als einen Vorzug oder einen Fehler
unseres Volkes hinzustellen. Haben Betrachtungen über die
Tatsache in gewöhnlichen Zeiten fast nur theoretisches Interesse,
so können sie gegenwärtig praktisch wichtig sein.
Naturgemäß haben die Männer, welche die fremden
Einflüsse verwerfen, gegenwärtig mehr das Ohr der Nation wie
die anderen, und es sind bereits verschiedene Dinge geschehen, welche
auf ihren Einfluß zurückzuführen sind; da empfiehlt es
sich vielleicht, einmal objektiv zu betrachten, um was es sich denn
eigentlich hier handelt. Die Weltgeschichte liegt heute bis zu
einem hohen Grade in diesen Dingen klar vor uns. Wir können da
zwei Typen von Kulturen unterscheiden: die primären und die
sekundären, primär ist etwa die ägyptische oder
chinesische, sekundär die griechische oder japanische Kultur.
Eine solche sekundäre Kultur kann wieder im Verhältnis zu
einer anderen Kultur primär sein, etwa die griechische im
Verhältnis zur hellenistischen oder römischen. Wir
sehen auch klar, wie es kommt, daß das eine Volk eine
primäre, das andere eine sekundäre Kultur hat. Völker,
welche sich als die ersten entwickelt haben, mußten eine
primäre Kultur bilden. Später kommende Völker lernen


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