Lebenserinnerungen - Rudolf Christoph Eucken - Страница 1 из 207


»Lebenserinnerungen«. Die ungeheure politische und
geistige Erschütterung, welche durch die Gegenwart geht, treibt
zwingend zu einer Selbstbesinnung und zu einer Selbstschau. Aber die
Frage mußte sich aufdrängen, ob auch die hier gebotenen
Lebenserinnerungen etwas enthalten, was weiten Kreisen bemerkenswert
sein kann, oder ob sie sich nicht besser nur an den engeren Kreis der
persönlichen Bekannten gewendet hätten. Wenn ich jene Frage
bejahen zu dürfen glaubte, so geschah es aus folgender
Erwägung. Ich kann nicht von großen Taten berichten,
auch war ich nicht an bedeutenden politischen Wendungen beteiligt;
aber ich konnte den inneren Lauf des Lebens verfolgen und darüber
hinaus für notwendige Forderungen wirken. Ich erlebte die
großen inneren Wandlungen der deutschen Verhältnisse: meine
Jugendzeit hatte weit einfachere und ruhigere Zustände, als sie
uns später umfingen, das Leben verlief in engeren Bahnen, noch
fehlte der riesenhafte Aufschwung von Industrie und Technik, es
fehlten die Großstädte mit ihrer Anhäufung der Massen,
es fehlte die Beherrschung des Lebens durch die Fabrik, es verschlang
noch nicht eine fieberhafte Arbeitskultur das ganze Leben. Namentlich
seit den siebziger Jahren hat sich diese Veränderung mehr und
mehr gesteigert. Wer einen andersartigen Stand der Dinge erlebt hat,
dem müssen, auch bei voller Anerkennung der Leistungen, die
Schranken und die Gefahren dieser Wendung gegenwärtig sein. Dann


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