Mensch und Welt - Rudolf Christoph Eucken - Страница 1 из 481


Philosophie des Lebens Vorwort Die folgenden
Untersuchungen gehen von der Überzeugung aus, daß wir uns
heute in einer geistigen Krise befinden, wie sie in solcher Tiefe und
Weite die Menschheit noch niemals erlebt hat. Die alten
Lebenszusammenhänge und mit ihnen die leitenden Ziele sind
völlig erschüttert worden, und was als ihr Ersatz geboten
wird, das genügt den geweckten Bedürfnissen bei weitem
nicht, das ist meist von kläglicher Flachheit. Die Menschheit
– nicht alle Einzelnen, wohl aber der Hauptzug des gemeinsamen
Lebens – hat zuerst den Glauben an Gott verloren, dann den an
eine der Welt innewohnende Vernunft, sie beginnt nun auch den an sich
selbst und damit den letzten Halt zu verlieren; im Gesamtergebnis
wäre damit das Leben einer völligen inneren Leere und
Sinnlosigkeit ausgeliefert. Sich solcher Zerstörung aber wie
einem unentrinnbaren Schicksal zu ergeben, dem widersteht schon die
Erwägung, daß jene Auflösung selbst nicht ohne eine
Hilfe positiver Kräfte möglich war. Denn es gibt keine
erfolgreiche Verneinung, in der nicht irgendwelche, wenn auch
zurückliegende Bejahung wirkt. Was im Leben der Gegenwart aber an
Bejahung steckt, das bleibt einstweilen zerstreut, das faßt sich
nicht zu einem Ganzen zusammen, das gewinnt daher weder eine
ausgeprägte Gestalt noch eine genügende Stärke. Solche
Lage treibt zu der Aufgabe, jenes Bejahende aufzusuchen und in eine


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