Die Götter dürsten - Anatole France - Страница 1 из 289


Französischer Originaltitel:
Les dieux ont soif Deutsche Übertragung:
Friedrich von Oppeln-Bronikowski Erstes Kapitel Evarist
Gamelin, Maler und Schüler Davids, Bürger des Stadtbezirks
Pont-Neuf (vormals Henri IV.), ging frühmorgens nach der
einstigen Barnabitenkirche, in der seit drei Jahren – seit dem
21. Mai 1791 – die Generalversammlung dieses Bezirks tagte.
Die Kirche ragte auf einem engen, düsteren Platze, nahe dem
Gitter des Justizpalastes. Die verwitterte, von Menschenhand
verstümmelte Fassade bestand aus zwei antiken Pfeilergeschossen,
die mit halb zerstörten Gesimsen und mit Pechpfannen
geschmückt waren. Die Wahrzeichen des Glaubens waren roh
abgemeißelt, und über dem Portal stand in schwarzen
Buchstaben der Wahlspruch der Republik: »Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit oder Tod.« Evarist Gamelin trat ein. Unter
den Wölbungen des Kirchenschiffs, die einst vom Chorgesang der
Bruderschaft St. Pauli widerhallten, saßen jetzt die
Patrioten in roter Mütze, um die Stadtverwaltung zu wählen
und über die Geschäfte des Bezirks zu beraten. Die
Heiligenfiguren waren aus ihren Nischen entfernt und durch Büsten
von Brutus, Jean Jacques Rousseau und Le Peltier ersetzt worden. Auf
dem seines Schmuckes beraubten Altar stand eine Tafel mit der
Verkündigung der Menschenrechte. Zweimal wöchentlich,
von fünf Uhr nachmittags bis elf Uhr nachts, fanden hier die
öffentlichen Versammlungen statt. Die Kanzel, an der die


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