Die rote Lilie - Anatole France - Страница 1 из 375


durch den Salon schweifen. Die Lehnstühle waren vor dem Kamin zu
einer Gruppe arrangiert, und der gedeckte Teetisch leuchtete aus der
Dämmerung hervor. Die chinesischen Vasen waren mit
mächtigen, mattgetönten Schneeballbüschen gefüllt.
Sie senkte ihre Hand in die blühenden Zweige, so daß die
silberglänzenden Blütenbälle sich leise berührten.
Dann betrachtete sie sich ernst und nachdenklich im Spiegel und
blickte seitwärts gewandt über die Schulter weg, um die
feinen Linien ihrer Gestalt zu verfolgen, wie sie sich unter dem eng
anliegenden schwarzen Atlaskleid abzeichneten, in dessen leichtem,
lose flatterndem Überwurf dunkelleuchtende Perlen zitterten. Nun
trat sie noch dichter heran – es interessierte sie lebhaft, wie
ihr Gesicht heute aussah. Der Spiegel warf ihr ihren eigenen ruhigen
Blick zurück, ganz so, als ob jene sympathische junge Frau, deren
Züge sie da mit Wohlgefallen studierte, ihr Leben ohne
heiße Freude und ohne tiefen Schmerz dahinlebte. Leer und
schweigsam lag der große Salon da. Die Gobelins mit ihren
gedämpften Farben und den schattenhaften Gestalten, die sich mit
müder Anmut in den Spielen von ehedem bewegten, die
Terrakotta-Statuen auf kleinen, säulenförmigen Sockeln, die
Nippfiguren aus altem Meißner Porzellan und die Malereien aus
Sèvres, die die Glasschränke füllten – alles
das schien von längst entschwundenen Zeiten zu reden. Auf
einem reich in Bronze gearbeiteten Postament stand die


-10     пред. Страница 1 из 375 след.     +10