Selim und Zoraïde - Caroline Auguste Fischer - Страница 1 из 27


König Krantimor war ein so rechtschaffner Mann; daß er sich
gradezu auf seinen Thron setzen mußte, um jemand zu
überzeugen, er sey daran gewöhnt. Mit
unerschütterlicher Standhaftigkeit beharrte er darauf, zu seinen
Verordnungen nichts als den Nahmen herzugeben, und sich dem zufolge
alle Morgen einige Bücher weißes Papier reichen zu lassen,
worauf er dann seine Minister das Übrige hinzusetzen lies.
Eben so eifrig trieb er seine Generale an, so viel Schlachten als
möglich zu gewinnen, um dann als Vater des Volkes, das Tedeum mit
der gehörigen Würde absingen, und die gewöhnlichen
Glückwünsche deswegen annehmen zu können. Von der
Wichtigkeit seines Lebens überzeugt, stärkte er sich
täglich durch eine wohlgeordnete Jagd. Küche und Keller
wurden Abends zuvor auf das solideste besorgt, und es verstand sich
von selbst: daß man, bey dieser wichtigen Staatsangelegenheit,
auf einige verwüstete Saatfelder weiter keine Rücksicht
nehmen konnte. Die Königin war vor einigen dreyßig
Jahren sehr schön, das heißt alles gewesen was man
vernünftiger Weise von einer Königinn verlangen kann.
»Nicht viel verlangt!« – wird man sagen – Aber
die arme Königinn mag das Gegentheil beweisen. »Welch
ein Hals! Welch ein Mund! Welch ein himmlisches Auge!« –
riefen die grausamen Hofleute alle Abende. »Barmherziger Gott!
Welche Flekken! Welche Runzeln! Welche schreckliche
Vertiefungen!« – wiederhohlte der noch grausamere Spiegel


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