Aphorismen und kurze Stücke - Egon Friedell - Страница 1 из 99


Schriftstellerei hat sich in den letzten Jahrzehnten eine
bemerkenswerte Wandlung vollzogen. Nach vielen Kämpfen und
Mißhelligkeiten ist sie jetzt endlich ein Beruf geworden, ein
ehrlicher, wohlakkreditierter Beruf wie jeder andere; mit bestimmten
technischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, straffer innerer
Organisation und fortlaufenden gewerblichen Traditionen. Man hat den
Dichter sozusagen in die Matrikeln der menschlichen Gesellschaft
aufgenommen. Und nicht bloß moralisch, das Dichten ist auch ein
nationalökonomischer Wert geworden. Der »darbende
Dichter« kommt heute nur noch in der »Gartenlaube«
vor. Wie seinerzeit das Dachstübchen die unvermeidliche
Begleiterscheinung des Poeten war, so gehört heute zu einem
richtigen Dichter die Villa. Anfangs war der schreibende Mensch
einfach ein Verfemter gewesen, verfemt und befeindet, wie es alle
neuen Dinge sind; man witterte in ihm irgendeine geheimnisvolle,
auflösende Kraft. In der Tat hat ja auch dieser Instinkt
vollkommen recht gehabt: die Schriftsteller machten die
französische Revolution, stürzten das Papsttum und
begründeten die Sozialdemokratie. Niemand anderer hat diese
gefährlichen Dinge in Szene gesetzt als diese Taugenichtse, die
nur so neben dem Leben herumzulungern schienen. Kein Wunder, daß
sie zunächst als eine höchst verdächtige Gesellschaft
angesehen wurden. Aber aus siegreichen Revolutionären werden
bekanntlich immer im Verlauf der Entwicklung wohlangesehene Machthaber


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