Der Kronprinz und die deutsche Kaiserkrone - Gustav Freytag - Страница 1 из 225


Die folgenden Blätter wären nach dem
Ableben Kaiser Friedrich's gedruckt worden, wenn nicht andere
Veröffentlichungen, und was mit ihnen zusammenhing, dem Verfasser
verleidet hätten, sich während einer unerfreulichen
Aufregung über die Person des theuern Toten zu äußern.
Jetzt in einer Zeit größerer Ruhe möge man diesen
kleinen Beitrag zur Entstehungsgeschichte der deutschen
Kaiserwürde wohlwollend aufnehmen. Er vermag freilich nur zu
berichten, wie als Wunsch in der Seele des Kronprinzen gelebt hat, was
später Thatsache wurde. Seit achtzehn Jahren besteht das
deutsche Kaiserthum, es ist bereits fest gewurzelt in dem Gemüth
und dem politischen Leben des Volkes, es ist Ehre und Stolz von
Millionen geworden, auch seine Reichsverfassung hat sich als eine
dauerhafte Schöpfung erwiesen und wird neben dem Vielen, was die
Nation dem Fürsten Bismarck zu danken hat, in Zukunft vielleicht
als eine besonders staatskluge Bildung betrachtet werden. Wenn nun der
Schreiber dieser Zeilen bekennt, daß er selbst im Jahre 1870 der
Kaiserkrone über einem deutschen Staatsbau abgeneigt
gegenüberstand, so muß er sich gefallen lassen, daß
die Leser von seinem politischen Scharfblick eine ungünstige
Meinung erhalten. Dennoch wird ihnen zugemuthet, auch von dieser
überwundenen Auffassung etwas zu vernehmen, denn in Wahrheit war
dieselbe im Jahre 1870 nicht die Ansicht eines Einzelnen, sondern


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