Drei Geschichten - Gustave Flaubert - Страница 1 из 136


Herz – Die Legende von Sankt Julian dem Gastfreien –
Herodias   Trois Contes. Zuerst erschienen 1877
Ein schlichtes Herz I
Ein halbes Jahrhundert lang beneideten die Bürgerinnen von
Pont-l'Evêque Madame Aubain um ihre Magd Félicité.
Für hundert Francs im Jahr besorgte sie Küche und
Haushalt, nähte, wusch, plättete, konnte ein Pferd
anschirren, das Geflügel mästen, Butter machen, und blieb
ihrer Herrin treu – die indessen keine angenehme Person war.
Diese hatte einen schönen Menschen ohne Vermögen
geheiratet, der zu Anfang des Jahres 1809 starb und ihr zwei ganz
kleine Kinder bei einer Unmenge Schulden hinterließ. Da
verkaufte sie ihren Grundbesitz, außer den Gütern Toucques
und Gefosses, deren Ertrag sich höchstens auf fünftausend
Franken belief, und sie verließ ihr Haus in Saint-Melaine, um
ein anderes, das weniger Ausgaben verursachte, zu bewohnen; es hatte
ihren Vorfahren gehört und lag hinter den Hallen. Dieses
Haus, das mit Schiefer bekleidet war, lag zwischen einem Durchgang und
einer Gasse, die zum Fluß herablief. Die Böden im Innern
des Hauses waren uneben, was zum Stolpern Anlaß gab. Ein enger
Flur trennte die Küche von dem Saal, in dem Madame Aubain sich in
der Nähe des Fensters, in einem Strohsessel sitzend, den ganzen
Tag über aufhielt. Acht Mahagonistühle reihten sich an der
weißgestrichenen Täfelung entlang. Ein altes Klavier trug,


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