Leidenschaft und Tugend - Gustave Flaubert - Страница 1 из 54


Erzählung Thou canst not speak of that thou dost not feel.
Shakespeare, Romeo und Julia, III. Akt. Sie hatte ihn schon
zweimal, glaube ich, zu Gesicht bekommen: das erstemal auf einem Ball
beim Minister, das zweitemal im »Français« –
und obwohl er weder ein überragender Mensch noch ein schöner
Mann war, kam er ihr doch immer wieder in den Sinn, wenn sie abends,
nachdem sie ihre Lampe ausgelöscht hatte, noch einige Minuten in
Gedanken versunken blieb und vor sich hin träumend dalag, ihr
dichtes Haar gelöst auf ihren nackten Brüsten, den Kopf zum
Fenster hingewendet, durch das die Nacht eine fahle Helle hereinwarf,
die Arme frei herabhängend, und ihre Seele hin und her trieb
zwischen schauernden, aus dem Dunklen und Ungewissen kommenden
Erregungen, die, wie verwirrende Laute und Rufe, aus den Weiten der
herbstlichen Dämmerungen sich erheben ... Alles andere war er
als ein Ausnahmemensch, wie sie in den Büchern und Dramen leben.
Er hatte ein ziemlich trockenes Innere, war ein rechter
Durchschnittsgeist und zu alledem – ein Chemiker. Aber er
beherrschte von Grund aus jene Theorie der Verführungskunst in
allen Regeln, kurzum den Chic – um das treffende Wort des
Volksmundes zu gebrauchen –, womit ein gewandter Mann noch immer
zu seinen Zielen gelangt. Das war längst nicht mehr jene
wohlgeübte Spielart der Schäferliebe im Stil Ludwigs des
Fünfzehnten, deren erste Lehrstunde anhebt mit Seufzern,


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