Lachweiler Geschichten - Heinrich Federer - Страница 1 из 334


»Lachweiler Geschichten«) Die Schulkinder von Lachweiler
sitzen heute steif in ihren verkerbten Bänken und blicken mit
ängstlicher Ungeduld bald zur Türe, bald zum Lehrer am Pult.
Philipp Korn selber, ein Mann, der heute den vierzigsten Geburtstag
seines staubigen, mit Papier verklebten und mit so viel Tinte
verklecksten Lebens feiert, Philipp Korn wartet mit einer gewissen
unruhigen und bekümmerten Festlichkeit auf das Erscheinen der
Examenherren. Heute liegen seine Hosen straff, sie glänzen von
Sauberkeit, ja, sie zeigen jene scharfe Falte vorne, die nur neue,
eben aus dem Warengeschäft geholte Hosen zeigen. Seine
Rockärmel sind an den Ellbogen nicht verschlissen und
fadenscheinig wie an gewöhnlichen Schultagen, und die Krawatte
fasert nicht; sondern es ist der feiertägliche Frack, den er
trägt, und die weisse Seidenkrawatte, welche nur zu Ostern und am
Bezirksfest, als Philipp eine Bankettrede auf das Vaterland der
Pädagogen hatte halten müssen, aus dem seidenpapiernen
Umschlag gewickelt und hernach gleich wieder sorglich von der Lehrerin
eingepackt wurde. Jedes Stäubchen hatte Frau Monika Korn von
ihrem Mann gebürstet. Rein steht er da wie ein Mensch, der soeben
frisch aus der Hand Gottes hervorgegangen ist. Über der hohen,
weissen Stirne hat er das spärlich braune Haar in der Mitte
gescheitelt und bedächtig nach beiden Seiten über die kahlen
Stellen gekämmt. Einst trug er einen vollen Schopf. Aber bei viel


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