Die weiße Flamme - Ilse Frapan - Страница 1 из 67


mitten im Semester den Wirthsleuten das Zimmer kündigen und
umziehen müssen. Es war ihm zwar fast aus Herz gewachsen, das
Stübchen mit dem weiten Blick über die Stadt hinweg, nach
dem schönen, farbenwechselnden Ütliberg drüben, aber im
Sommer galt es ja ohnehin die Läden zu verschließen, weil
ihm den ganzen Tag die Sonne auf das einzige Fenster brannte. Und dazu
der ewige Streit zwischen den Eheleuten, die sich mit jedem Monat
schlechter vertrugen — er war froh, als er seinen Trieb, alles
beim alten zu lassen, damit es ginge, wie es Gott gefiele, endlich
überwunden und die Änderung getroffen hatte. Das war nun
freilich ein anderes Haus, in das ihn der Zufall geführt. Ein
altes vornehmes, weitläufig gebautes Haus mit großen
getäfelten Stuben und niedrigen Balkendecken, mit
steingepflastertem hallendem Hausflur, kühl und sonnenlos, mit
verräucherten Ölgemälden an den Treppenaufgängen,
eingemauerten Wappenschildern und glänzenden
Messingschlössern an den Thüren. Nicht ein einziger Student
wohnte darin, sondern lauter solide, wohlhäbige Vollbürger,
die ihren guten Wein im Keller hatten und um zehn Uhr zu Bette gingen;
Männer mir ehrfurchterweckenden Uhrketten auf Sammtwesten und
Kotelettbärten, Leute, die wenig Mägde hielten, weil ihre
Frauen sonst nichts zu thun gewußt hätten — ein
stilles, reserviert blickendes Haus, das sich etwas darauf zu gute
that, nicht modern zu sein, weil modern ihm soviel wie leichtfertig


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