Melodien - Ludwig Fulda - Страница 1 из 222


  Zweite, stark vermehrte Auflage der
»Neuen Gedichte«    
Stuttgart und Berlin 1910
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger  
  Leitsterne Wir alle
        Alle erleben wir eine Zeit,
Da ist das Herz uns voll und weit,
Die Zeit, wo wir mit seligem Schrecken
Uns selbst und unser Ziel entdecken,
Wo ausgerüstet mit blanker Wehr,
Mit funkelnagelneuen Waffen
Wir singend uns stellen zum Geistesheer,
Um was zu erkämpfen, um was zu schaffen.
Wir fühlen in wonnigem Selbstvergessen
Die eigene Kraft noch ungemessen,
Und träfen wir unterwegs einen Drachen
Mit feurigem Schlund, mit hungriger List,
Dem würden wir flugs den Garaus machen,
Ohne zu wissen, wie schwer das ist.
Unbekümmert und unberaten
Spielen wir unsere Jugendtaten.
Wir merken es erst am Beifallsruf,
Der rings um unseren Pfad erschollen,
Daß unsere Hand was Löbliches schuf,
Und glauben, wir könnten, was wir wollen. Und
dann erleben wir eine Zeit,
Da sind wir nicht mehr geschützt und gefeit
Durch ahnende Herzensdunkelheit.
Wir sehen der Dinge Form und Gestalt,
Erleiden des Lebens Tyrannengewalt,
Von Pflichten und Pflichtlein geplagt und gezwickt,


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