Das Unbehagen in der Kultur - Sigmund Freud - Страница 1 из 125


die Menschen gemeinhin mit falschen Maßstäben messen,
Macht, Erfolg und Reichtum für sich anstreben und bei anderen
bewundern, die wahren Werte des Lebens aber unterschätzen. Und
doch ist man bei jedem solchen allgemeinen Urteil in Gefahr, an die
Buntheit der Menschenwelt und ihres seelischen Lebens zu vergessen. Es
gibt einzelne Männer, denen sich die Verehrung ihrer Zeitgenossen
nicht versagt, obwohl ihre Größe auf Eigenschaften und
Leistungen ruht, die den Zielen und Idealen der Menge durchaus fremd
sind. Man wird leicht annehmen wollen, daß es doch nur eine
Minderzahl ist, welche diese großen Männer anerkennt,
während die große Mehrheit nichts von ihnen wissen will.
Aber es dürfte nicht so einfach zugehen, dank den Unstimmigkeiten
zwischen dem Denken und dem Handeln der Menschen und der
Vielstimmigkeit ihrer Wunschregungen. Einer dieser ausgezeichneten
Männer nennt sich in Briefen meinen Freund. Ich hatte ihm meine
kleine Schrift zugeschickt, welche die Religion als Illusion
behandelt, und er antwortete, er wäre mit meinem Urteil über
die Religion ganz einverstanden, bedauerte aber, daß ich die
eigentliche Quelle der Religiosität nicht gewürdigt
hätte. Diese sei ein besonderes Gefühl, das ihn selbst nie
zu verlassen pflege, das er von vielen anderen bestätigt gefunden
und bei Millionen Menschen voraussetzen dürfe. Ein Gefühl,
das er die Empfindung der »Ewigkeit« nennen möchte,


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