Der Mann Moses und die monotheistische Religion - Sigmund Freud - Страница 1 из 200


Moses, ein Ägypter Einem Volkstum den Mann
abzusprechen, den es als den größten unter seinen
Söhnen rühmt, ist nichts, was man gern oder leichthin
unternehmen wird, zumal wenn man selbst diesem Volke angehört.
Aber man wird sich durch kein Beispiel bewegen lassen, die Wahrheit
zugunsten vermeintlicher nationaler Interessen zurückzusetzen,
und man darf ja auch von der Klärung eines Sachverhalts einen
Gewinn für unsere Einsicht erwarten. Der Mann Moses, der dem
jüdischen Volke Befreier, Gesetzgeber und Religionsstifter war,
gehört so entlegenen Zeiten an, daß man die Vorfrage nicht
umgehen kann, ob er eine historische Persönlichkeit oder eine
Schöpfung der Sage ist. Wenn er gelebt hat, so war es im 13.,
vielleicht aber im 14. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung; wir
haben keine andere Kunde von ihm als aus den heiligen Büchern und
den schriftlich niedergelegten Traditionen der Juden. Wenn darum auch
die Entscheidung der letzten Sicherheit entbehrt, so hat sich doch die
überwiegende Mehrheit der Historiker dafür ausgesprochen,
daß Moses wirklich gelebt und der an ihn geknüpfte Auszug
aus Ägypten in der Tat stattgefunden hat. Man behauptet mit gutem
Recht, daß die spätere Geschichte des Volkes Israel
unverständlich wäre, wenn man diese Voraussetzung nicht
zugeben würde. Die heutige Wissenschaft ist ja überhaupt
vorsichtiger geworden und verfährt weit schonungsvoller mit
Überlieferungen als in den Anfangszeiten der historischen Kritik.


-10     пред. Страница 1 из 200 след.     +10