Die endliche und die unendliche Analyse - Sigmund Freud - Страница 1 из 60


Therapie, die Befreiung eines Menschen von seinen neurotischen
Symptomen, Hemmungen und Charakterabnormitäten, ist eine
langwierige Arbeit. Daher sind von allem Anfang an Versuche
unternommen worden, um die Dauer der Analysen zu verkürzen.
Solche Bemühungen bedurften keiner Rechtfertigung, sie konnten
sich auf die verständigsten und zweckmäßigsten
Beweggründe berufen. Aber es wirkte in ihnen wahrscheinlich auch
noch ein Rest jener ungeduldigen Geringschätzung, mit der eine
frühere Periode der Medizin die Neurosen betrachtet hatte, als
überflüssige Erfolge unsichtbarer Schädigungen. Wenn
man sich jetzt mit ihnen beschäftigen mußte, wollte man nur
möglichst bald mit ihnen fertig werden. Einen besonders
energischen Versuch in dieser Richtung hat O. Rank gemacht im
Anschluß an sein Buch Das Trauma der Geburt (1924). Er nahm an,
daß der Geburtsakt die eigentliche Quelle der Neurose sei, indem
er die Möglichkeit mit sich bringt, daß die
»Urfixierung« an die Mutter nicht überwunden wird und
als »Urverdrängung« fortbesteht. Durch die
nachträgliche analytische Erledigung dieses Urtraumas hoffte Rank
die ganze Neurose zu beseitigen, so daß das eine Stückchen
Analyse alle übrige analytische Arbeit ersparte. Einige wenige
Monate sollten für diese Leistung genügen. Man wird nicht
bestreiten, daß der Ranksche Gedankengang kühn und
geistreich war; aber er hielt einer kritischen Prüfung nicht


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