Frau Jenny Treibel - Theodor Fontane - Страница 1 из 261


Kapitel An einem der letzten Maitage, das Wetter war schon
sommerlich, bog ein zurückgeschlagener Landauer vom Spittelmarkt
her in die Kur- und dann in die Adlerstraße ein und hielt gleich
danach vor einem, trotz seiner Front von nur fünf Fenstern,
ziemlich ansehnlichen, im Uebrigen aber altmodischen Hause, dem ein
neuer, gelbbrauner Oelfarbenanstrich wohl etwas mehr Sauberkeit, aber
keine Spur von gesteigerter Schönheit gegeben hatte, beinahe das
Gegenteil. Im Fond des Wagens saßen zwei Damen mit einem
Bologneserhündchen, das sich der hell- und warmscheinenden Sonne
zu freuen schien. Die links sitzende Dame von etwa Dreißig,
augenscheinlich eine Erzieherin oder Gesellschafterin, öffnete,
von ihrem Platz aus, zunächst den Wagenschlag, und war dann der
anderen, mit Geschmack und Sorglichkeit gekleideten und trotz ihrer
hohen Fünfzig noch sehr gut aussehenden Dame beim Aussteigen
behülflich. Gleich danach aber nahm die Gesellschafterin ihren
Platz wieder ein, während die ältere Dame auf eine Vortreppe
zuschritt und nach Passierung derselben in den Hausflur eintrat. Von
diesem aus stieg sie, so schnell ihre Corpulenz es zuließ, eine
Holzstiege mit abgelaufenen Stufen hinauf, unten von sehr wenig Licht,
weiter oben aber von einer schweren Luft umgeben, die man füglich
als eine Doppelluft bezeichnen konnte. Gerade der Stelle
gegenüber, wo die Treppe mündete, befand sich eine
Entréethür mit Guckloch, und neben diesem ein grünes,


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