Grete Minde - Theodor Fontane - Страница 1 из 133


altmärkischen Chronik Erstes Kapitel Das
Hänflingsnest »Weißt du, Grete, wir haben ein
Nest in unserm Garten, und ganz niedrig, und zwei Junge drin.«
»Das wäre! Wo denn? Ist es ein Fink oder eine
Nachtigall?« »Ich sag es nicht. Du mußt es
raten.« Diese Worte waren an einem überwachsenen Zaun,
der zwei Nachbargärten voneinander trennte, gesprochen worden.
Die Sprechenden, ein Mädchen und ein Knabe, ließen sich nur
halb erkennen, denn so hoch sie standen, so waren die
Himbeerbüsche hüben und drüben doch noch höher und
wuchsen ihnen bis über die Brust. »Bitte,
Valtin«, fuhr das Mädchen fort, »sag es mir.«
»Rate.« »Ich kann nicht. Und ich will auch
nicht.« »Du könntest schon, wenn du wolltest.
Sieh nur«, und dabei wies er mit dem Zeigefinger auf einen
kleinen Vogel, der eben über ihre Köpfe hinflog und sich auf
eine hohe Hanfstaude niedersetzte. »Sieh«, wiederholte
Valtin. »Ein Hänfling?«
»Geraten.« Der Vogel wiegte sich eine Weile,
zwitscherte und flog dann wieder in den Garten zurück, in dem er
sein Nest hatte. Die beiden Kinder folgten ihm neugierig mit ihren
Augen. »Denke dir«, sagte Grete, »ich habe noch
kein Vogelnest gesehen; bloß die zwei Schwalbennester auf unsrem
Flur. Und ein Schwalbennest ist eigentlich gar kein Nest.«
»Höre, Grete, ich glaube, da hast du recht.«
»Ein richtiges Nest, ich meine von einem Vogel, nicht ein


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