Frühlingsleid - Wilhelm Fischer - Страница 1 из 54


  Leipzig
Georg Heinrich Meyer
1898.   I. Er war noch ein kleiner Knabe
und hieß Thiebald. Seine Mutter aber nannte ihn Balder. Einst im
Frühling entdeckte er in dem Stachelbeergebüsch des
Gärtchens hinter dem Hause ein Nest. Es war gegen Abend, als er
diesen Fund machte. Das Herz schlug ihm vernehmbar vor Freude und
Bewunderung; denn es war ein schöner Anblick, wie sich vier
Köpfchen ihm entgegenreckten und gleich wieder enttäuscht
zurückzogen, weil sie Mutter und Vater und nicht ihn erwartet
hatten. Da kamen diese geflogen, brachten jedes etwas im Schnabel und
atzten ihre Jungen damit. Das sah er alles. Er legte sich ausgestreckt
ins Gras auf den Bauch, stützte 80 sich auf beide Arme, um alles
genau zu beobachten. Die Alten sahen ihn wohl ein bißchen
verwundert an, doch scheuten sie sich nicht im mindesten vor ihm, weil
er ein so gutes Gesicht hatte, und seine Äuglein wie zwei blaue
Sterne glänzten. Dann als das Abendessen der Kleinen beendigt
war, schlüpfte die Mutter ins Nest, deckte sie mit ihren
Fittichen, aber nicht so gänzlich, daß nicht eines oder das
andere noch sein Köpfchen hervorreckte und Balder neugierig
musterte. Aber der Vater war auf einen nahen Ast geflogen und sang
noch eine Abendweise. Balder vergaß alles in der Welt und
dünkte sich wie in ein wunderbares Land versetzt, wo die Tiere
sprechen konnten. Denn der Grünling auf dem Aste sang
vernehmlich: Balder, Balder, die Welt ist schön, freu' dich mit


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