Geschichte des Fräuleins von Sternheim - (Maria) Sophie von La Roche geb. Gutermann - Страница 1 из 431


Sternheim An D. F. G. R. V.****** Erschrecken Sie
nicht, meine Freundin, anstatt der Handschrift von Ihrer Sternheim
eine gedruckte Copey zu erhalten, welche Ihnen auf einmal die ganze
Verräterei entdeckt, die ich an Ihnen begangen habe. Die Tat
scheint beim ersten Anblick unverantwortlich. Sie vertrauen mir unter
den Rosen der Freundschaft ein Werk Ihrer Einbildungskraft und Ihres
Herzens an, welches bloß zu Ihrer eigenen Unterhaltung
aufgesetzt worden war. »Ich sende es Ihnen (schreiben Sie mir)
damit Sie mir von meiner Art zu empfinden, von dem Gesichtspunkt,
woraus ich mir angewöhnt habe, die Gegenstände des
menschlichen Lebens zu beurteilen, von den Betrachtungen, welche sich
in meiner Seele, wenn sie lebhaft gerührt ist, zu entwickeln
pflegen, Ihre Meinung sagen, und mich tadeln, wo Sie finden, daß
ich unrecht habe. Sie wissen, was mich veranlaßt hat, einige
Nebenstunden, die mir von der Erfüllung wesentlicher Pflichten
übrig blieben, dieser Gemüts-Erholung zu widmen. Sie wissen,
daß die Ideen, die ich in dem Charakter und in den Handlungen
des Fräuleins von Sternheim und ihrer Eltern auszuführen
gesucht habe, immer meine Lieblings-Ideen gewesen sind; und womit
beschäftigt man seinen Geist lieber als mit dem, was man liebt?
Ich hatte Stunden, wo diese Beschäftigung eine Art von
Bedürfnis für meine Seele war. So entstund unvermerkt dieses
kleine Werk, welches ich anfing und fortsetzte, ohne zu wissen, ob ich


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