Miß Kery und Sophie Gallen - (Maria) Sophie von La Roche geb. Gutermann - Страница 1 из 53


Herr Gallen, ein teutscher Gelehrter, hatte die einzige Schwester
eines jungen Kaufmanns zu seiner Frau. Er wohnte in dem Haus seines
Schwagers, welcher das Vermögen der Frau Gallen in seiner
Handlung behielt, und reichliche Zinsen davon bezalte. Gallen und
seine Gattin waren äusserst glücklich, da er durch das
Vermögen seiner liebenswürdigen Frau in den Stand gesetzt
wurde, armen Familien in ihren Rechtshändeln ohnentgeldlich zu
dienen, und also mit seinem Geist und Herzen eine Wohlthätigkeit
auszuüben, die er sich bey einer minder reichen Frau nicht
hätte erlauben können, weil er alsdenn verpflichtet gewesen
wäre, zuerst auf die Versorgung der Seinigen bedacht zu seyn.
Frau Gallen freute sich über die Tugend ihres Mannes, und
hörte ihm mit Vergnügen zu, wenn er ihr mit Entzücken
von der gewonnenen Sache eines Armen erzälte, und der Segen, den
ihr Mann von den dankbaren geretteten Leuten empfieng, schien ihr mehr
werth zu seyn, als die Einkünfte von ihrem Vermögen. Sie
hatten von etlichen gutartigen Kindern nur eines bey Leben erhalten,
und dieß war eine Tochter, die Sophie genannt ward, welche ohne
vorzügliche Schönheit als ein liebliches Mägdchen
heranwuchs. Frau Gallen machte sich aus der Erziehung ihrer Tochter
die Hauptbeschäftigung ihres Lebens, und da einst von mehrern
Personen gesagt wurde, daß die kleine Sophie eine
unbeschreibliche Ähnlichkeit der Gesichtszüge und Neigungen


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