Bilder und Träume aus Wien - Adolf Glaßbrenner - Страница 1 из 138


Erster Band Vorrede. Ich habe Feder, Papier und Tinte, warum
sollte ich kein Buch über Wien schreiben? Zu meinen
früheren Arbeiten nahm ich auch mein bißchen Geist zur
Hand; diese unruhige Eigenschaft ist aber jetzt in Deutschland
verpönt, und ein verständiger Autor muß ihn so viel
wie möglich zu verstecken suchen, damit man ihn selber nicht
versteckt. Die deutsche Zensur läßt die besten Gedanken
zwischen den Zeilen liegen, und die edelsten Geister gehen unter, weil
sie ihre glühende und zündende Wahrheit nicht mit
schmutzigen, servilen Lumpen bedecken wollen; weil der Geist des
Jahrhunderts ihre Feder leitet, und die Zensur die Werke jenes Geistes
zerstückelt und vernichtet. Auf diese Weise wird es immer
schwerer, den guten vom schlechten Schriftsteller zu unterscheiden,
und deshalb bin ich mit Liebe und Vertrauen an das vorliegende Werk
gegangen, habe für die herrlichsten Gedanken Striche gemacht, dem
Zensor Mühe zu sparen; habe in jeder Charakteristik und
Darstellung Lücken gelassen, und bin nun fest überzeugt,
daß meine Leser dies Buch unendlich geistreich finden werden,
weil sie ihren eigenen Geist hineinlegen müssen. Wie es die Kunst
der Konversation ist, weniger selbst zu sprechen, als andere sprechen
zu machen, ist es in Deutschland die Aufgabe des Autors, weniger
selbst zu denken, als andere denken zu machen; man darf der Lesewelt
nur Skizzen hinwerfen, und sie selbst muß tausend Bücher


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