Prosaskizzen - Adolf Glaßbrenner - Страница 1 из 15


Lange Brücke, auf welcher die Statue des großen
Kurfürsten steht, scheidet das vornehme Berlin von dem
geschäftigen, und der erste Blick, den man über die
wellenförmige und schmale Königsstraße wirft, ist
überzeugend, daß sie der Mittelpunkt alles
geschäftigen Lebens, aller kaufmännischen Regsamkeit, aller
gewerblichen Speculation ist. Die breiten, schweigsamen Häuser
der schönen Freidrichsstadt mit ihrer aristokratischen
Physiognomie haben wir im Rücken, hier beginnt das Reich der
Nothwendigkeit; jeder kleine Raum, jeder Winkel ist benutzt, die
Häuser sind schmal, aber hoch, die Fenster sind dicht aneinander
bedrängt, selbst die spitze Stirn der sorglichen Gebäude ist
mit Luken gefurcht, durch welche der flinke Schneider und der eifrige
Schuhmacher sein Tageslicht bezieht. Unten ist Gewölbe an
Gewölbe, Boutique an Boutique, Schild an Schild gereiht. Tief
in der Nacht, wenn die Straße schläft, erwacht ihr
Geisterleben. Die Schulden fliegen durch die drückende Luft und
prügeln sich, die Sorgen klappern an die Fenster, die hohen
Procente sitzen an den Thorwagen, und lassen sich von den kleinen
Procenten komische Geschichten erzählen, die Staatspapiere
klettern bis zu den Schornsteinen hinauf und stürzen sich wieder
herunter, der Gewinn und der Verlust gehen Arm in Arm spazieren, der
bleiche Mond, welcher von Zeit zu Zeit durch dunkle Wolken blickt,
macht ein mitleidiges Gesicht ob dieses Jammers der civilisirten


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