Eine Panik und andre humoristische Erzählungen - Balduin Groller - Страница 1 из 112


Balduin Groller.     Leipzig
Verlag von Philipp Reclam jun.
[ca. 1910]     Inhalt. Eine
Panik Eine Ferienarbeit Die zärtlichen Freunde
Miß Polykrates     Eine Panik.
Es war eine intime literarische Feier. Am Vormittag hatten wir ihm
eine Abordnung auf den Hals dirigiert, – schöne Rede,
Adresse, Ehrengeschenk, – und abends gaben wir ihm das
Festbankett. Der siebzigjährige Jubilar war das Kind unter uns,
die wir alle doch beträchtlich jünger waren. Reinhold Klaus
dichtete noch immer unentwegt fort, wie Theodor Körner gedichtet
hatte; wenn's gut ging, sang er wie Emanuel Geibel sang. Auf die
Moderne und auf alle »Richtungen« hatte er einen ehrlichen
Haß und er hing mit unverbrüchlicher Treue an seinen
»Idealen«. Das flößte uns Respekt ein,
zumal er auch seine ganze Lebensführung seinen idealen
Anschauungen angepaßt hatte. Er glaubte noch ehrlich an den
Kuß der Musen, und nimmer hätte er sich invita Minerva an
den Schreibtisch gesetzt. Die Literatur als Gewerbe, als Erwerbsmittel
schien ihm etwas Scheußliches, und er empfand es niemals als
einen Gemeinplatz, wenn er Jahrzehnte hindurch versicherte, er
sänge, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnt. Für
seine lyrischen Gedichte hätte er niemals ein Honorar genommen.
Dazu sei ihm sein »Herzblut«, das Heiligste, das in ihm
lebte, doch zu gut, daß er es gegen Geld einwechsle. Es war


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