Gesühnt - Claire von Glümer - Страница 1 из 118


Kurierzug war angekommen; Omnibusse standen bereit, die Aussteigenden
nach den Gasthöfen der kleinen Hafenstadt zu bringen; aber es war
erst Mitte Mai, der Zuzug nach dem nahegelegenen, vielbesuchten
Ostseebade hatte noch nicht begonnen und beinahe leer rasselten die
Wagen nach der Stadt zurück. In einem derselben, der die
Aufschrift »Zum goldenen Anker« trug, saßen nur zwei
Damen in Trauer. Die ältere, eine zarte Gestalt mit feinem,
blassem Gesicht, lehnte sichtlich erschöpft zwischen
Plaidbündeln und Reisetaschen, während die jüngere, ein
schönes, blondes Mädchen, bald rechts, bald links aus dem
Fenster sah. Endlich wendete sie sich zu ihrer Gefährtin und
sagte: »Mütterchen, sieh nur, wie hübsch es hier
ist – wie still und freundlich: so recht zum Gesundwerden. Ganz
heimisch mußt du dich hier fühlen.« Die blasse
Frau fuhr auf. »Heimisch fühlen!« wiederholte
sie, und in die mattblauen Augen kam ein Ausdruck der Angst;
»was willst du damit sagen?« »Mein armes
Mütterchen, wie nervös du noch immer bist!« antwortete
das junge Mädchen, indem sie sich vorbeugte und die Hand der
Mutter liebkosend zwischen ihre beiden Hände nahm. »Ich
meinte nur, die breiten Straßen mit den kleinen, weißen
Häusern, vor denen hin und wieder Bäume stehen,
müßten dich an unsere Wohnung in Hoboken erinnern.«
»Ja, es ist möglich ... du kannst recht haben, liebe
Käthe,« sagte die Mutter und warf einen zerstreuten Blick


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