Sonntage eines Großstädters in der Natur - Curt Grottewitz - Страница 1 из 103


Frost und Schnee? Sie sind wohl nicht ganz – gesund, Herr
Tanzmann? So oder ähnlich hatte er es oft gehört, wenn er
für den Sonntag alle Zusammenkunftspläne in der
»Goldenen Traube« abgelehnt hatte, um seinen gewohnten
Spaziergang ins Freie zu unternehmen. Im Sommer zwar hatte er
Begleiter genug, denn in der warmen Jahreszeit waren seine Freunde,
wie die meisten Berliner, gern bereit, einen großen Ausflug
mitzumachen. Sobald es aber wieder Herbst wurde, und der Nordwest die
Blätter und den Sommerstaub um die frierenden Ohren der Menschen
wirbelte, hatten die Freunde genug und taten nicht mehr mit. Herr
Tanzmann wunderte sich darüber, denn ihm brachte jede Jahreszeit
neue Reize. Nicht einmal im strengsten Winter setzte er aus. Ja, er
freute sich auf seine Spaziergänge im Januar genau so wie auf die
im heitersten Sommer. An Hitze und Frost, Regen und Sonnenschein
gleich gewöhnt, war er einer jener Glücklichen, die absolut
wetterfest sind, denen das Wetter nie eine Freude verdirbt. Also
am Sonntag früh gleich nach sieben, als die Nacht noch auf den
Straßen der Stadt lag, brach er auf. Der Himmel aber war schon
hell, im Westen stand die blasse Scheibe des Vollmonds, und im Osten
leuchtete schon das lichte Orangerot der noch unter dem Horizont
verborgenen Sonne. Es wird ein schöner Tag, Sie sind ein
Glückspilz, Herr Tanzmann! sagte er zu sich in der guten Laune,
die er immer hatte, wenn er früh hinauswanderte. Kalt war es


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