Pythagoras - Egmont Colerus von Geldern - Страница 1 из 512


Das Vorgebirge Karmel ragte hoch und schwarz am Rande des
Traumes. Langsam, in breiten Fronten, rollten von Untergang die Wogen
heran und zerstäubten an seinem Fuße. Zwei Schiffe zerrten
knarrend an ihren Tauen. Das eine bereit, nach Mitternacht zu rudern,
das andre, das kyprische, den Mittag suchend. Pythagoras
streckte seine Hände nach den Schiffen aus und wollte sie halten,
um der furchtbaren Wahl zu entkommen. Da riß ihn der Traum
aufwärts. Er stand auf den Höhen von Karmel; auf dem
äußersten Vorsprung des Gebirges. Und er wähnte zu
schweben. Denn rechts und links von ihm und vor ihm lag in
unausdenklicher Weite das Meer. Es schimmerte fahl und gelb wie eine
unbegrenzte öligglatte Haut und an seinem Saume stak ein
glanzloser blutroter Ball in streifigen Nebeln. Sonderbares
Murmeln und Schaukeln, Stöhnen und Pfeifen war um ihn. Die
Gegend zerfloß, Karmel versank, die Worte: »Wohin,
Pythagoras?« standen einsam in der leeren Hohlkugel seines
Traumes. »Wohin, Pythagoras?« schrillte ein
Sturmstoß und schleuderte ihn nach oben.
»Hier liegt der Erdkreis! Wähle!« Und eine Erztafel,
sosehr schimmernd, daß all der Raum erglänzte, breitete
sich unermeßlich zu seinen Füßen. Aus der Erztafel
aber wuchsen die eingeritzten Zeichen körperhaft empor und wurden
zu Städten und Flüssen, Hainen und Gebirgen. Und er war
über ihnen und in den Erscheinungen. Und sie sprangen weiter aus


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