Glossen - Emil Servatius Gött - Страница 1 из 50


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  Mein Leben glich bis heute einer Schachpartie,
die ich mit einem plumpen Gegner spielte. Keinen Zug konnte ich tun,
ohne daß er mir wegnahm, was er nehmen konnte – ohne
eigenen Plan und ohne einen solchen bei mir zu erkennen. Und mir, dem
es nicht auf das Gewinnen, sondern auf den schwermütigen Reiz des
feinen Spiels ankam, war es nicht möglich, auf seine Spielart
einzugehen; ich ließ ihm seine Figuren, und nahm sie im selben
Grade weniger, als ich sie bequem schlagen konnte. Er aber hüpfte
raublustig in meinem Spiel umher, auf meine Art bauend, und sie
für unbegreifliche Dummheit haltend. So konnte ich keine Partie
gewinnen, und zornig stieß ich mehr als einmal das Brett um.
    Einst, wenn sich jemand empfindlich, aber
unabsichtlich gegen mich vergangen hatte, gewöhnte ich mir an,
seine Gründe als für ihn und seine Tat maßgebend zu
betrachten und nur zu sagen: er tut so! Und ich zürnte ihm so
wenig wie der Tischkante, an der ich mich stieß.
Später, als ich darin eine genügende Sicherheit hatte, die
mich vor unzähligem Ärger bewahrte und meine
Seelenkräfte schonte, gewöhnte ich mir an, wenn sich jemand
absichtlich oder doch bewußt gegen mich verging, sofort zu
denken: er ist so! Also kann er nicht anders und ist genug durch die
Freudlosigkeit seines Wesens und damit gestraft, daß ich ihn
nicht lieben kann. Ich lernte noch mehr verzeihen und betrachtete es


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