Eisrieke - Erdmann Graeser - Страница 1 из 271


Zuerst erschienen:
1931 Erster Teil
Über Nacht war der Wind umgeschlagen, kam nun vom Westen, brachte
Tauluft. Die Schneeflächen der Schöneberger Wiesen nahmen im
Laufe des trüben Tages eine blaugraue Färbung an. In den
heftig schwankenden Zweigen der alten, ausgehöhlten Weiden, die
jetzt, durch ihre Doppelreihen, unfahrbar gewordene Feldwege erkennen
ließen, krächzten die Krähen, halbverhungert und
verzweifelt nach der langen Winterszeit. Warteten nun gierig,
daß dort, wo trotz der Warnungstafeln und des wachsamen
Gendarmen von wagemutigen Fuhrleuten Müllabladeplätze
angelegt worden waren, ja warteten, daß dort nun wieder die
verschneite Herrlichkeit aus den reichen Küchen des
Kielganviertels zum Vorschein käme. So ließ sich also
mit Nachhilfe von Krallen und scharfen Schnabelhieben der Sache auf
den Grund kommen und noch ein köstliches Mahl erhoffen.
Wenn der Tauwind nur anhielt! Die klugen Augen der alten, erfahrenen
Vögel richteten sich besorgt auf den fahlen Westhimmel hinter dem
gelben Riesenbau des Joachimsthalschen Gymnasiums in der Ferne.
Entstand, um diese Stunden, dort ein roter Streifen, kamen
neuer Frost, neuer Schnee, neue Hungerszeit ... Wie die
Krähen blickten auch die Jungen aus der Potsdamer Vorstadt nach
dem Westhimmel, aber immer in der Erwartung, daß er sich blutrot
färben möge. Denn dann bestand die gute Hoffnung für


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