Athenaïs. - Ferdinand Gregorovius - Страница 1 из 222


Gregorovius Athenaïs Vorwort. Schon vor einigen
Jahren hatte ich mir vorgestellt, daß es lohnend sein
könnte, die Geschichte jener Philosophentochter Athenaïs zu
schreiben, welche im fünften Jahrhundert als die byzantinische
Kaiserin Eudokia durch ihren Geist und ihre Erlebnisse berühmt
gewesen ist. Erst mein Aufenthalt in Athen im Frühjahr 1880 hat
mich dazu angeregt, diesen Plan aufzunehmen. Wenn man auf der
Akropolis Athens, vor dem Tempel der Nike Apteros, oder der Parthenos
sitzend, in die Betrachtung der Geschichte Griechenlands sich
versenkt, so erscheinen dort der erregten Phantasie deutlicher und
persönlicher die Gestalten der Vorzeit, und bald ist man, wie
Odysseus im Reiche der Schatten, von einem Chor hellenischer Geister
umringt, an die man manche Frage richten möchte. Ich erinnerte
mich dort auch jener genialen Athenerin, deren Schicksale ich in ihren
Umrissen kannte, und zwar aus der Geschichte ihrer Tochter Eudoxia,
der Gemalin des römischen Kaisers Valentinian III. Nach
meiner Rückkehr von Athen zog ich das Material für eine
Biographie der Athenaïs aus den byzantinischen
Geschichtschreibern. Ich überzeugte mich dabei, daß eher
noch eine Anschauung jener rätselhaften Zeit, als ein lebendiges
Porträt der berühmten Frau zu gewinnen sei. Doch das hat
mich nicht von meinem Vorsatze abgeschreckt. Denn zu anziehend ist der
Prozeß jener Epoche selbst, wo das antike Heidenthum in der


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