Aus dem Tagebuche eines wandernden Schneidergesellen - Humoresken - Franz Freiherr von Gaudy - Страница 1 из 216


Mailand, den 5. Mai. So weit wäre ich
denn mit Gottes Hilfe gekommen, schnell und wunderbar genug –
und habe nun doch wieder einmal an mir selber einen recht
augenscheinlichen Beweis erlebt, daß der Himmel keinen Deutschen
verläßt, und zu den Deutschen kann ich mich doch
gewissermaßen auch noch rechnen, obschon ich ein geborener
Berliner bin. Es mögen jetzt drei Tage her sein, als ich in
der zehnten Morgenstunde zu Padua vor der großen Kirche des
heiligen Antonius saß, und mir verdrießlich genug die
verschlafenen Augen rieb, und in die Sonne blinzelte. Die Herren
Studenten hatten zur Nachtzeit in der Nachbarschaft meines Wirtshauses
Ständchen gebracht, und zu meinem großen Leidwesen alles
Ungeziefer in den Bettstellen mit Pauken und Trompeten aus dem Schlaf
geweckt. Müde und marode hatte ich bereits mit grauendem Morgen
mein Nachtquartier verlassen, war in den krummen und winklichten
Gassen, unter den räuchrichten Arkaden mit ihren Brettvernagelten
Fenstern auf und nieder gerannt, und gedachte nun auf der Steinbank im
Sonnenschein die vermusizierte Nachtruhe ein wenig nachzuholen, und
all meinen Kummer und Sorgen zu verschlafen. Von beiden aber war mir
das Herz voll wie ein Ei. Da hatten sie mir Alle in der Heimat gesagt:
ich möge nur in Gottes Namen nach Italien wandern, – das
Italienische finde sich just wie das Griechische. Wie das letztere
sich zu finden pflege, weiß ich nicht, denn ich habe zeitlebens


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