Die Brenta-Blume - Franz Freiherr von Gaudy - Страница 1 из 31


keinem Jahr waren seit Menschengedenken die jungen Paduaner und
namentlich die Herren Studenten der weltberühmten
Universität so gottesfürchtig gewesen, als gerade im Jahre
1808. Ich will damit beileibe nicht gesagt haben, daß die
männliche Jugend des alten ehrwürdigen Patavium vor und nach
jener Epoche just, was man so nennt, gottlos gewesen sei, sondern nur,
daß ihre Frömmigkeit nicht die der anderen ehrlichen
Menschenkinder, sondern etwas aparter oder wohl mehr unscheinbarer
Natur zu sein pflegt. Den Grund dieser Abweichung aber glaube ich
allein darin zu finden, daß für Doktoren der
Rechtsgelehrsamkeit oder Weltweisheit ein Tag von vierundzwanzig
Stunden viel zu kurz ist; denn wie soll ein junger Mann nur zum Beten
des Rosenkranzes kommen, wenn er die Hälfte des Tages über
Folianten brüten muß, und wie in die Kirche, wenn er die
anderen zwölf Stunden im Weinhause liegt? Das Jahr 1808 brachte
aber, wie bereits gemeldet, eine segensvolle Umwandlung bei allen
denjenigen zuwege, welche der Tortur des einmaligen wöchentlichen
Rasierens unterworfen waren. In der elften Morgenstunde stand das
alte Collegio del bò verlassen, und der Bienenschwarm seiner
Zöglinge umsummte die Reiterstatue des Generals Gatamelata, auf
der Piazza di Sant' Antonio, stopfte die Kirchenthüren, das
Haupt- und Seitenschiffe, und drängte sich dermaßen in der
Kapelle des Santo, wie bekanntlich die Paduaner ihren Heiligen


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