Venetianische Novellen - Franz Freiherr von Gaudy - Страница 1 из 417


Schiavoni Der flüchtige Reisende, welcher der Königin
der Meere, Venetia, nur wenige Tage huldigt, der es verschmäht,
die Schwelle ihrer Marmortempel zu überschreiten, in die inneren,
langsam verwitternden Räume zu dringen, wird, von der
Größe der herrlichen Erscheinung geblendet, die Runzeln und
Falten auf der gebleichten Stirn der Gebieterin übersehen, ihr
ohnmächtiges Hinträumen für Wachen halten. Und in
Wahrheit, Wochen können ihm vergehen, eh' er seiner
Täuschung inne wird, eh' er nur das Herz der Stadt, in welchem
allein noch ein flüchtiges Leben zuckt, eh' er den Markus-Platz,
die Piazzetta, und den an diesen stoßenden Kai der Slavonier
verläßt, um sich in das finstere Gewirr der düsteren,
kaum ellenbreiten Gassen und Gäßchen zu stürzen, oder
den bettelstolzen Jammer der verödeten Paläste eines Blickes
zu würdigen. Wochen können entschwinden, ehe der Fremdling
den mächtigen Eindruck gewältigt, ehe er sich
entschließen kann, den wundersamen Bann jener Riesengebäude
zu brechen, ehe er ermüdet, die fürstlichen Hallen der
Prokurazien, die goldschimmernden Gewölbe der Markuskirche, ihre
morgenländischen Kuppeln, die seit einem halben Jahrtausend vor
ihrem Bogen Wache haltenden Rosse, den frei aus der Erde wachsenden
Markusturm, jenen Mast des Gigantenschiffes Venedig, anzustaunen. Und
dann wird er sich zögernd von der unvergänglichen
Herrlichkeit jener Wunder wenden, aber nur um wenige Schritte. Schon


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