Das Kloster bei Sendomir - Franz Grillparzer - Страница 1 из 41


Erzählung Nach einer als wahr überlieferten Begebenheit
Die Strahlen der untergehenden Sonne vergoldeten die Abhänge
eines der reizendsten Täler der Woiwodschaft Sendomir. Wie zum
Scheidekuß ruhten sie auf den Mauern des an der Ostseite
fensterreich und wohnlich prangenden Klosters, als eben zwei Reiter,
von wenigen Dienern begleitet, den Saum der gegenüberliegenden
Hügelkette erreichten, und, von der Vesperglocke gemahnt, nach
kurzem, betrachtendem Verweilen, ihre Pferde in schärfern Trott
setzten, taleinwärts, dem Kloster zu. Die Kleidung der
späten Gäste bezeichnete die Fremden. Breitgedrückte,
befiederte Hüte, das Elenkoller vom dunklen Brustharnisch
gedrückt, die straffanliegenden Unterkleider und hohen
Stulpstiefeln erlaubten nicht, sie für eingeborne Polen zu
halten. Und so war es auch. Als Boten des deutschen Kaisers zogen sie,
selbst Deutsche, an den Hof des kriegerischen Johann Sobiesky, und,
vom Abend überrascht, suchten sie Nachtlager in dem vor ihnen
liegenden Kloster. Das bereits abendlich verschlossene Tor ward
den Einlaßheischenden geöffnet, und der Pförtner
hieß sie eintreten in die geräumige Gaststube, wo
Erfrischung und Nachtruhe ihrer warte; obgleich, wie er entschuldigend
hinzusetzte, der Abt und die Konventualen, bereits zur Vesper im Chor
versammelt, sich für heute die Bewillkommnung so werter
Gäste versagen müßten. Die Angabe des etwas
mißtrauisch blickenden Mannes ward durch den eintönigen


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