Der arme Spielmann - Franz Grillparzer - Страница 1 из 65


(1847) In Wien ist der Sonntag nach dem Vollmonde im Monat Juli
jedes Jahres samt dem darauffolgenden Tage ein eigentliches Volksfest,
wenn je ein Fest diesen Namen verdient hat. Das Volk besucht es und
gibt es selbst; und wenn Vornehmere dabei erscheinen, so können
sie es nur in ihrer Eigenschaft als Glieder des Volks. Da ist keine
Möglichkeit der Absonderung; wenigstens vor einigen Jahren noch
war keine. An diesem Tage feiert die mit dem Augarten, der
Leopoldstadt, dem Prater in ununterbrochener Lustreihe
zusammenhängende Brigittenau ihre Kirchweihe. Von
Brigittenkirchtag zu Brigittenkirchtag zählt seine guten Tage das
arbeitende Volk. Lange erwartet, erscheint endlich das saturnalische
Fest. Da entsteht Aufruhr in der gutmütig ruhigen Stadt. Eine
wogende Menge erfüllt die Straßen. Geräusch von
Fußtritten, Gemurmel von Sprechenden, das hie und da ein lauter
Ausruf durchzuckt. Der Unterschied der Stände ist verschwunden;
Bürger und Soldat teilt die Bewegung. An den Toren der Stadt
wächst der Drang. Genommen, verloren und wiedergenommen, ist
endlich der Ausgang erkämpft. Aber die Donaubrücke bietet
neue Schwierigkeiten. Auch hier siegreich, ziehen endlich zwei
Ströme, die alte Donau und die geschwollnere Woge des Volks, sich
kreuzend quer unter- und übereinander, die Donau ihrem alten
Flußbette nach, der Strom des Volkes, der Eindämmung der
Brücke entnommen, ein weiter, tosender See, sich ergießend


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